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Viele Kinder. Viele Geschichten. Beste Förderung.
Weil jeder Tag zählt, an dem Lernen stattfinden kann, haben Olga Escher und ihr Team das pädagogische Konzept ihrer Einrichtung in Müllheim im Markgräflerland neu gedacht. Am Ende eines intensiven Entwicklungsprozesses hatten sie vieles hinter sich gelassen und einen offenen, inklusiven und bedürfnisorientierten Lernort geschaffen.
In unserer Einrichtung treffen viele kleine Lebensgeschichten aufeinander. Kinder, die eine neue Sprache lernen, solche, die aus der Ferne zu uns gekommen sind, manche geflüchtet, manche verunsichert – und alle voller Potenzial. Um ihnen die bestmöglichen Bildungs- und Sprachlernerfahrungen zu ermöglichen, haben wir uns auf den Weg gemacht, einen Lernort zu schaffen, der die Kinder in den Mittelpunkt stellt und ihre Stärken gezielt fördert.
Chancen erkennen
Alle hatten es schon gespürt: das Unbehagen darüber, dass in unseren Kindern mehr steckt, als wir ausschöpfen konnten. Dann gab es diesen Moment, in dem wir uns entschieden, alles Bisherige infrage zu stellen. Wir mussten nicht lange suchen, um Ursachen für unser Unbehagen zu entdecken. Die Schwierigkeiten begannen bereits mit unseren zwei großen Gruppenräumen für jeweils bis zu 25 Kinder. Der Lärmpegel war hoch, der Platz knapp, und Regeln wie »nur vier Kinder im Baubereich« führten bei den Kindern wie bei den Fachkräften eher zu Frust als zu hilfreicher Struktur. Jedes Aushandeln kostete wertvolle Zeit und Energie. Gleichzeitig wurden unsere große Eingangshalle und die Turnhalle nur selten für gelegentliche Turnstunden oder als Ausweichraum genutzt. Wir wussten: Kinder haben einen natürlichen Bewegungsdrang und brauchen Raum, um laut zu sein, zu rennen, sich auszuprobieren, Kraft aufzubauen und sich körperlich auszudrücken – und zwar dann, wenn sie es möchten. Unser Konzept war gescheitert, weil wir den Kindern nicht den Raum bieten konnten, den sie brauchten, um ihren Entwicklungsbedürfnissen zu folgen. In unseren Teamsitzungen wurde immer klarer, dass wir unsere sprachpädagogischen Ziele nicht mit Angeboten wie dem Morgenkreis für zu viele Kinder mit zu unterschiedlichen Entwicklungs- und Sprachständen erreichen können. Schließlich stand eine einfache, aber entscheidende Frage im Raum: Warum nutzen wir nicht alles, was wir haben? Hatten wir vielleicht schon alles, was wir brauchten, und mussten es nur neu denken?
Ausprobieren
Mit dieser Frage begann ein langer und sehr intensiver Prozess. Wir wollten den Kindern Raum geben, sich zu bewegen, zu spielen, sich wohlzufühlen und sich zu entwickeln – doch wie genau sollten wir das umsetzen? Unsere ersten Überlegungen richteten sich auf die Turnhalle und die Eingangshalle: Wie ließen sich in diesen Räumen zusätzliche Lernbereiche schaffen, die von den Kindern regelmäßig und selbstbestimmt genutzt werden könnten? Die praktischen Fragen, die sich daraus ergaben – Wie erreichen die Kinder diese Räume? Wer begleitet sie? Wer behält den Überblick? – zeigten schnell, dass unsere bisherigen Strukturen dafür nicht ausreichten. Wir mussten personell und strukturell neu denken. Als Erstes lösten wir die festen Gruppen auf, um den Fachkräften die nötige Flexibilität zu geben, Kinder überall sicher und pädagogisch gut zu begleiten. Wir probierten es einfach aus, und tatsächlich füllten sich die Turnhalle und die Eingangshalle unmittelbar mit Leben. Die Kinder tobten herum und stellten sich voller Energie motorischen Herausforderungen. In der Eingangshalle entstanden kleine Bauprojekte: Die Kinder sammelten Bausteine, arbeiteten gemeinsam an Türmen und tauschten sich über ihre Ideen aus. Wir Fachkräfte beobachteten, begleiteten, griffen nur bei Bedarf ein. Staunend sahen wir, wie selbstständig die Kinder lernten, sich zu organisieren. Der Lärmpegel sank – auch in den Gruppenräumen – und die Erzieherinnen hatten mit einem Mal viel mehr Möglichkeiten, sich auf intensive pädagogische Prozesse und Bildungsangebote mit einzelnen Kindern oder kleinen Gruppen zu konzentrieren. So waren die ersten Schritte gesetzt – klein, aber entscheidend und die Basis für die weiteren Veränderungen. Es begann ein langer und intensiver Prozess.
Weiterdenken
Die Veränderungen zeigten Wirkung, aber auch, dass es nicht reicht, lediglich Räume anders zu nutzen. Könnte ein offenes, bedürfnisorientiertes Konzept für uns funktionieren? Wir brauchten ein neues Konzept. Keins »von der Stange«, sondern eins, das wirklich zu unserer Einrichtung passt. Auf dem Weg dorthin stellten wir uns viele Fragen. Welches Beobachtungssystem wählen wir? Wer übernimmt die Verantwortung, wenn ein neues Kind, eine neue Familie zu uns kommen? Nach welchem Eingewöhnungsmodell möchten wir arbeiten? Wer führt die Anmelde- und Eingewöhnungsgespräche, wenn die Kinder nicht mehr klar zugeordnet sind? Wer organisiert die Geburtstagsfeiern, und wie gestalten wir diese in einem offenen Konzept? Wie definieren wir »Gruppenzugehörigkeit«, wenn klassische Gruppengrenzen aufgelöst sind? Wie machen wir es mit den Mahlzeiten? Wo und wann essen die Kinder? Bleiben sie zusammen in einem Gruppenraum, oder suchen sie sich Orte, an denen sie sich wohlfühlen? Besonders bei den Diskussionen ums Essen fiel auf, wie oft feste Essenszeiten im Widerspruch zu den Bedürfnissen der Kinder standen. Wir mussten neue Rollen schaffen, Zuständigkeiten neu regeln und zugleich offen bleiben für Veränderungen. Jeder Kurswechsel brachte Veränderungen mit sich – selbst bei so einigem, was wir lange als selbstverständlich angesehen hatten.
Olga Escher leitet den zweigruppigen Kindergarten Bärenfels in Müllheim seit 2017. Ihre beruflichen Erfahrungen als Grundschullehrerin unter anderem in Russland sowie als Mutter zweier Kinder haben ihren Blick auf das zentrale Thema Sprache als Grundlage für Bildung und gesellschaftliche Teilhabe geschärft.
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